Warum du deinen Hund trösten darfst
- Nina Leitgeb
- 29. Dez. 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Dez. 2025
Viele Jahre schon geistern in der Hundewelt warnende Sätze herum, die vor allem rund um Silvester ausgesprochen werden:
"Du darfst deinen Hund nicht trösten, sonst verstärkst du nur seine Angst."
"Du musst deinen Hund ignorieren, wenn er zu dir kommt."
"Lass ihn sich nicht verstecken, sonst lernt er, dass Angst eine Lösung ist."
Was mit Sicherheit gut gemeint ist, ist leider nicht korrekt. Und wie jedes Jahr stelle ich mir die Frage, warum etwas, das unter Menschen so selbstverständlich praktiziert und als sozial angesehen wird, bei Hunden derart verpönt erscheint? Vielleicht habe ich darauf endlich eine Antwort gefunden:
Ich glaube viele Leute betrachten Silvesterangst als Verhalten, dass sie verändern und deshalb "wie üblich" trainieren möchten. Es ist möglich junge Hunde auf Feuerwerk vorzubereiten und auch Hunden, die bereits Angst vor den Knallern haben, kann man mit gezieltem Training helfen, die Nacht gut zu überstehen.
Doch die Silvesternacht selbst, wenn das Spektakel seinen Zenit erreicht, ist kein geeigneter Moment mehr fürs Training. An diesem Tag geht es darum, das beste aus der Situation zu machen. Die reine Trainingsbrille bringt uns deshalb in diesem Fall nicht ans Ziel. Um zu verstehen warum, müssen wir einen kurzen Exkurs in die Lerntheorie unternehmen.
Wie verändert man Verhalten?
Um einem Hund ein bestimmtes Verhalten nahezubringen, nutzen die meisten Hundehalter Belohnung und Strafe wie folgt:
gutes Verhalten wird belohnt
unerwünschtes Verhalten wird ignoriert, korrigiert oder bestraft
Diese Art der Konsequenzsetzung über Belohnung und Strafe nennt man Konditionierung. Das Lernen über Konditionierung funktioniert nur, weil durch die Konsequenz eine Emotion im Hund ausgelöst wird.
Ist die Konsequenz eine Belohnung, werden angenehme Gefühle im Hund ausgelöst z.B. Freude, Heiterkeit oder Erleichterung. Ist die Konsequenz aber eine Korrektur oder Strafe, hat der Hund unangenehme Gefühle z.B. Unsicherheit, Furcht oder Wut.

Je nachdem, ob die Konsequenz angenehme oder unangenehme Gefühle ausgelöst hat, wird sich der Hund für später merken:
was er tun kann, um Freude und Zufriedenheit zu empfinden
was er vermeiden muss, um keine Angst oder Wut erleben zu müssen
Wir können also an der Stelle festhalten, dass sich Verhalten durch das Hinzufügen einer Konsequenz ändern kann, wenn die Konsequenz ein Gefühl beim Hund hervorruft. Dabei ist es unerheblich, ob die Konsequenz absichtlich oder zufällig erfolgt. Wie sich das Verhalten verändert, entscheidet sich je nachdem, ob das Gefühl angenehm oder unangenehm war.
Gleichzeitig erklärt es auch, warum viele Trainer, inklusive mir selbst, heute vermehrtes Augenmerk auf erwünschtes Verhalten, verschiedene Arten von Belohnungen und damit einhergehende angenehme Konsequenzen legen - denn ein fröhlicher und sich sicher fühlender Hund ist nicht nur ein toller Begleiter, sondern auch mental stabiler und gelassener.
Die Problematik mit der Angst
Jetzt haben Hundehalter gerade zu Silvester aber ein völlig anderes Dilemma. Ein Hund mit Feuerwerksangst zeigt einiges an Verhalten, das der Halter von seinem geliebten Vierbeiner zum Jahreswechsel ungern sehen möchte z.B. hecheln, speicheln, herumlaufen, verstecken, flüchten, bellen, urinieren, koten etc.
Diese Verhaltensweisen sind aber nur Symptome einer völlig anderen Ursache - nämlich das Gefühl von Angst. Ohne diese Angst, gäbe es für den Hund absolut keinen Grund, das alles zu tun. Sobald das Feuerwerk losgeht, ist das eigentliche Problem also:
der Hund empfindet bereits Angst
Angst hemmt das Lernen und klares Denken
der Hund zeigt oft kein bewusstes Verhalten
Angst ist in erster Linie eine völlig normale und gesunde Reaktion. Der Körper braucht einen Mechanismus, der bei Auftreten von akuten Gefahren eine sofortige Reaktion einleiten kann, um Schaden möglichst effektiv zu vermeiden. Dazu setzt er eine ganze Reihe von Körperfunktionen in Gang, die das Lebewesen besonders wachsam machen und den Körper auf außergewöhnliche Leistungserbringung vorbereiten.
Wenn Lebensgefahr für den Körper auftritt, darf das Lebewesen nicht lange darüber nachdenken, was es als nächstes tun soll. Deshalb übernimmt das Stresssystem das Ruder. Der Hund hat über gewisse Körperfunktionen und Reaktionen keine Kontrolle mehr uns wird von seinem überlasteten Nervensystem quasi fremdgesteuert.
In einer Ausnahmesituation wie Silvesterfeuerwerk am Verhalten des Hundes zu trainieren, führt folglich klar am Ziel vorbei. Davon abgesehen wünschen sich gerade zum Jahreswechsel die wenigsten Hundehalter einen gehorsamen, sondern viel mehr einen emotional fröhlichen und entspannten Hund.
Deshalb werfen wir als nächstes einen genaueren Blick auf die Gefühle.
Verhalten & Emotion - verbunden aber nicht gleich
Emotionen und Verhalten gehören zusammen, sie beeinflussen sich gegenseitig - aber nicht immer in die selbe Richtung. Dazu muss man betrachten, welche Emotionen bei welchem Verhalten und vorherrschenden Konsequenzen ausgelöst werden können.
Angenommen ein Hund mit Angst vor Feuerwerk rennt beim ersten Knall zu seinem Halter und kuschelt sich an ihn. Die Person lässt das zu, nimmt den Hund aktiv wahr durch Blickkontakt sowie sanfte Ansprache und streicht ruhig durch das Fell.
→ durch die Konditionierungsbrille betrachtet könnte man sagen: der Hund wurde für sein Verhalten belohnt, deshalb wird er es öfter zeigen. Genau das bildet das Grundargument für den Tipp, man solle Hunde in solchen Momenten ignorieren. Es kann sogar stimmen, dass das Verhalten "Nähe suchen bei Stress" zukünftig häufiger auftreten wird.
Aber der Knackpunkt ist eigentlich, ob der Hund dadurch mehr Stress oder Angst hat, denn das Verhalten "Nähe suchen" wurde doch erst durch die Angst ausgelöst.
→ durch die Emotionsbrille betrachtet konnte sich der Hund Erleichterung verschaffen, indem er sich ein Versteck und soziale Nähe gesucht hat. Er hat womöglich Distanz zum Reiz Feuerwerk hergestellt, indem er weg vom Fenster zum Halter gegangen ist. Möglicherweise werden durch das Ankuscheln die Geräusche sogar zusätzlich gedämpft. So entstehen angenehme Gefühle im Hund. Diese angenehmen Gefühle können dem unangenehmen Gefühl von Angst entgegenwirken.
An diesem Punkt wird klar, dass die Veränderung von Emotionen anders funktioniert als Verhaltensänderungen. Man könnte es mit Mathematik vergleichen: angenehme Emotionen sind positive Zahlen, unangenehme Emotionen hingegen negative Zahlen. Zahlt man auf ein verschuldetes Konto Geld ein, kann sich die Situation eigentlich nur verbessern.
In diesem Beispiel haben sich Verhalten und Emotion durch ein und die selbe Reaktion des Halters konträr entwickelt:
Verhalten "Nähe suchen" wird wahrscheinlich häufiger / mehr werden
das Gefühl Angst wird wahrscheinlich weniger werden
Die Frage ist nur, wie sehr sich das Gefühl der Angst dadurch abschwächen lässt. An dem Punkt haben in Angstsituationen angenehme Erlebnisse und Gefühle wie ein Leckerbissen, Verständnis, Nähe und Trost ihre Grenzen: Wenn ich gerade Gefahr laufe, von einem Krokodil gefressen zu werden, wird ein Stückchen Schokolade meinen Tag nicht retten. Wenn ich mir aber nach dem Schreiben eines meterlangen Blogbeitrags ein bisschen Schoki gönne, könnte das meine Laune sehr rasch heben.
Aber schauen wir uns noch das Gegenbeispiel dazu an.
Sucht der Hund bei Angst vor dem Feuerwerk Schutz bei seiner Bezugsperson, wird jedoch ignoriert, tritt keine Erleichterung ein. Das Bedürfnis wurde nicht gestillt, das Verhalten war erfolgslos, hatte aber auch keine direkte Konsequenz.
Reagiert die Bezugsperson des Hundes aber genervt oder sogar grantig auf das Verhalten des Hundes, können unangenehme Gefühle im Hund ausgelöst werden. Diese können sich sogar zur bereits vorherrschenden Angst hinzu addieren.
Diese negative Konsequenz kann unter Umständen dazu führen, dass die soeben gezeigte Verhaltensweise seltener auftritt, obwohl die Angst noch vorhanden ist. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass der Stresspegel durch die zusätzlichen unangenehmen Emotionen steigt und sich das Stressverhalten des Hundes - nur vielleicht auf andere Art - noch stärker äußert.
In diesem Gegenbeispiel haben sich Verhalten und Emotion durch ein und die selbe Reaktion des Halters in die gleiche Richtung entwickelt:
das Gefühl Angst wird wahrscheinlich mehr und dadurch
wird auch das Verhalten, dass von der Angst ausgelöst wird, wahrscheinlich mehr
Ein Gedankenexperiment zum Selbsttest
Damit du dich selbst ein bisschen in einen Hund einfühlen kannst, der zu Silvester Angst vor Feuerwerk und Knallen hat, kommt hier ein kleines Experiment.
Stell dir vor ..
.. du sitzt beim Zahnarzt. Du hattest beim letzten Mal starke Schmerzen und bist deshalb unsicher, vielleicht sogar ängstlich. Bei wem würdest du dich besser aufgehoben fühlen?
Beim Arzt, der dich ermahnt, wenn deine Füße wippen oder Hände zittern? Der dich zurück auf den Sessel schiebt, wenn du ein wenig rutschst, oder sogar deswegen anschreit?
Oder bei dem Arzt, der Verständnis hat, dir notwendige Pausen gönnt und wo die Assistentin dir die Hand reicht?
.. du hast einen Autounfall. Du weißt nicht genau, ob du verletzt bist. Dein Kopf dröhnt, du hast Angst und vielleicht sogar einen Schock. Was fühlt sich für dich besser an?
Ein Sanitäter, der dich ignoriert und wie Luft behandelt?
Oder einer, der deine Angst wahrnimmt, ruhig mit dir spricht und bei dir bleibt?
Wie du vielleicht selbst gemerkt hast, fühlen sich in einer solchen Situation Ignorieren, Korrekturen und Strafen nicht besonders gut an. Du versuchst vielleicht nicht mehr im Zahnarztstuhl mit den Füßen zu wippen, aber die Angst wird nicht weniger.
Jetzt könnte man einwenden, die Beispiele seien ein wenig drastisch. Jedoch ist ein Hund, der Angst vor Feuerwerk hat, zu Silvester genau in einer solchen Ausnahmesituation. Hunde können gar nicht verstehen, was dieses Feuerwerk-Dings ist. Es ist laut, blitzt, riecht nach Feuer und erinnert sie im blödesten Fall an eine Situation, in der sie Furcht um ihr Leben hatten.
Zusammenfassung
Alles, was der Hund in der Situation als schön und angenehm empfindet - auch wenn wir es normalerweise als Belohnung benutzen würden - kann dabei unterstützen, die Angst des Hundes zu verringern. Denn durch das Hinzufügen von angenehmen Emotionen verschiebt sich das unangenehme Gefühl Schritt für Schritt in den angenehmen Bereich. Die Angst kann dadurch nicht stärker werden, sie kann sich nur abmildern.
Wenn dein Hund zu Silvester Angst vor dem Feuerwerk hat, darfst du alles tun, was dein Hund in dem Moment als schön und angenehm empfindet!
Wichtig ist, dass dein Hund deine Reaktionen auch wirklich als angenehm empfindet. Denn in einer Ausnahmesituation wie zu Silvester kann es sein, dass er andere Dinge und Maßnahmen benötigt als sonst. Achte deshalb vor allem in angstauslösenden Situationen auf die Körpersprache deines Hundes. Für einen groben Überblick habe ich dir aber noch eine knappe DOs and DONTs Liste zusammen gestellt, an der du dich orientieren kannst.

Training bei Geräuschangst
Natürlich ersetzen all diese Maßnahmen kein strukturiertes angepasstes Training, wenn man die Angst auf Dauer mildern möchte. Vor allem bei sehr starker Angst kann es sein, dass keine Nähe und kein Trost der Welt eine spürbare Wirkung zeigen. Aber schlimmer machen sie es definitiv nicht.
Mein Ziel mit diesem Beitrag war, dir die Angst davor zu nehmen, in der Silvesternacht für deinen Hund da zu sein.
Wenn dein Hund Angst vor Feuerwerk hat und du dir langfristig eine Verbesserung für ihn wünschst, wende dich bitte an den Trainer oder die Trainerin deines Vertrauens, der tierschutzkonform an Geräuschangst arbeitet.





